Die Schattenseiten der Achtsamkeit

Mit Meditation verbinden wir in der Regel ausschließlich positive Aspekte. Wir stellen uns friedliche Mönche, oder eine junge Frau im Park auf ihrer Yogamatte vor, die durch ihr Meditieren innere Ruhe finden und daraus neue Energie ziehen, um mit einem aufgeschlossenen Bewusstsein ihrer Umwelt gegenüber zu treten. Doch es gibt inzwischen eine große Anzahl an Menschen, die dieses Konzept für sich neu interpretiert haben und es für fragwürdige Zwecke missbrauchen. Mit Meditation können wir unser Inneres fokussieren und unsere Gefühlswelt lenken. Das Konzept ist eng verbunden mit ethischen Aspekten, die einen respektvollen Umgang mit sich selbst und der Umwelt zur Grundlage haben. Ein Ziel der Meditation war von Anfang an die Verstärkung unserer eigenen Empathie, die zusammen mit einer inneren Stärkung die zwei Säulen der Achtsamkeit bildet. Doch wenn wir in der Lage sind, unsere Emotionalität nach außen hin zu öffnen, sind wir ebenso in der Lage, sie zu verschließen und unsere Gefühle auszuschalten. So ist es möglich, sich selbst abzuhärten und in stressigen Situationen die Ruhe zu bewahren. Besonders wichtig sind diese Eigenschaften in der leistungsorientierten Wirtschaft. Immer mehr Topmanager meditieren beispielsweise, um ihre geistige Leistungskraft zu stärken. Dabei ist das primäre Ziel, körperlich und geistig fit zu bleiben, um unter höchsten Anforderungen und hohem Druck möglichst viel leisten zu können. Doch dieser Zwang zur Selbstoptimierung lässt die Mitarbeiter in der Regel auf der Strecke bleiben, da jegliche Menschlichkeit ausgeschaltet wird, um möglichst optimal zu funktionieren. Wer Meditation allein dazu nutzen will, um die eigene Leistung zu steigern, gefährdet damit sich und andere.

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Inzwischen wird Achtsamkeit von vielen großen Firmen gefördert. Sie bieten ihren Mitarbeitern Kurse an, in denen die oberste Prämisse ist, die eigene Leistung möglichst effektiv zu steigern. Der Markt für Achtsamkeit hat sich dabei in den letzten Jahren um ein Vielfaches vergrößert. Inzwischen hat sich mit themenbezogener Musik, Apps, Büchern und Videos ein Millionenmarkt entwickelt, der gerade von stark unter Druck stehenden Personen bereitwillig genutzt wird. Für Kurse effektiver Meditationstechniken beispielsweise, stehen Manager aus aller Welt Schlange. Im Grunde ist es wie Doping für das Gehirn – zieht man nicht mit, kann die eigene Leistung nicht mehr mit der der anderen mithalten und man bricht unter dem Druck zusammen. Inzwischen wird beispielsweise die sogenannte Mindfulness-based Stress Reduction (MBSR) von gesetzlichen Krankenkassen als Präventionsmaßnahme anerkannt. Doch schaden wir damit unserer Gesellschaft nicht mehr, als das wir sie fördern, wenn wir Konzepte, wie die Achtsamkeit, zweckentfremden und die Menschlichkeit aus unserem Alltag streichen, um wie Maschinen zu funktionieren?

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